Wahl der Rechtsform

Großes FragezeichenIm Rahmen der Existenzgründung beeinflusst die Wahl der Rechtsform nicht nur die zukünftige Entwicklung des Unternehmen. Es geht auch um steuerliche und haftungsrechtliche Kriterien.

Bei der Wahl der richtigen Rechtsform geht es aber nicht nur um die grundsätzliche Entscheidung zwischen verschiedenen Rechtsformen, sondern auch um die individuelle Gestaltung und Optimierung der gewählten Rechtsform. Spätere Änderungen sind oftmals schwierig umzusetzen und kostenintensiv. Besondere Sorgfalt bei den Überlegungen über die richtige Rechtsform sind also wichtig und dringend zu empfehlen. Das weitgehend anpassungsfähige deutsche Gesellschaftsrecht eröffnet einen weitreichenden Gestaltungsspielraum.

Die ideale Rechtsform für einen Existenzgründer bietet weit reichende Flexibilität im Hinblick auf unsichere Zukunftserwartungen, lässt die Möglichkeit zur steuerlichen Verlustverrechnung mit anderen Einkünften in der Anfangsphase zu und ist für den Unternehmer möglichst einfach zu handhaben. Idealerweise erfolgt die Entscheidung über die richtige Rechtsform nach einer sorgfältigen Analyse der Zielvorstellungen und einer fachmännischen Bewertung der Alternativen im Hinblick auf die Anforderungen an das Unternehmensmantel. Zum Schluss wird das Gewand an die individuellen Bedürfnisse angepasst.

1. Phase: Analyse der Ziele des Existenzgründers

1. Rechtsgestaltung und Haftungsbeschränkung
2. Unternehmensleitung oder Kontrolle
3. Finanzierung
4. Besteuerung des Unternehmens und der Gesellschafter
5. Flexibilität der Rechtsform
6. Sicherung des Unternehmensbestands
7. Mitbestimmung im Unternehmen
8. Rechtsformspezifischer Aufwand und Gründungskosten
9. Sonstige Kriterien bei der Rechtsformwahl

2. Phase: Vorauswahl geeigneter Rechtsformen

3. Phase: Wahl der Rechtsform

1. Bewertung der Rechtsformen anhand der Unternehmensziele
2. Ausschluß von Rechtsformen nach K.O. Kriterien
3. Scoring der geeigneten Rechtsformen

 

1. Phase: Analyse der Ziele des Existenzgründers

Jede erfolgreiche Unternehmung erfordert eine klare Vorstellung von den Zielen, die man mit der Unternehmensgründung erreichen will. Solange die Ziele nicht vollständig klar definiert sind, ist eine Entscheidung über die richtige Rechtsform nahezu unmöglich. Sofern ein ausgearbeiteter Businessplan vorliegt, ist davon auszugehen, dass sich der Existenzgründer ausreichend Gedanken über die Zukunftserwartungen und Ziele gemacht hat.

Anhand der folgenden Entscheidungskriterien werden Sie zielsicher und überlegt die ideale Rechtsform finden. Beachten Sie jedoch, dass die einzelnen Entscheidungskriterien je nach Einzelfall eine unterschiedliche Gewichtung haben und letztendlich Sie entscheiden müssen, welche Kriterien für Sie die größte Bedeutung haben und welche Sie eher vernachlässigen können.

 

1. Rechtsgestaltung und Haftungsbeschränkung

An erster Stelle steht zunächst die Frage nach der erforderlichen Rechtsgestaltung, bzw. das erforderliche Verhältnis zwischen Existenzgründer und Unternehmen auf der einen Seite und das Verhältnis zwischen Unternehmen und Dritten (= Kunden, Lieferanten, Kreditgebern) auf der anderen Seite.

Insbesondere folgende Fragestellungen sind hier von zentraler Bedeutung:

  • Sind mehrere Gründer vorhanden oder handelt es sich um eine Ein-Mann-Gründung?
  • Führt der Gründer (auch) zukünftig selbst die Geschäfte oder soll das Unternehmen gegebenenfalls von einem Fremden geführt werden?
  • Ist der Gegenstand des Unternehmen besonders haftungsträchtig oder risikoreich?
  • Sind in der Gründungsphase Verluste zu erwarten und ist eine steuerliche Verlustverrechnung mit anderen Einkünften des/der Gründer erwünscht?

Für die meisten Unternehmer ist die Haftungsbeschränkung auf das Unternehmensvermögen existentiell wichtig, insbesondere dann, wenn einzelne Gesellschafter(-gruppen) keinen Einfluss auf die Geschäftsführung haben (wollen). Dies insbesondere dann, wenn aus dem Unternehmen Risiken entstehen, die nicht durch Versicherungen abgedeckt werden können. Das Interesse an einer Haftungsbeschränkung kann auf der anderen Seite jedoch auch sehr gering sein, wenn Risiken z.B. vollständig durch Versicherungen abgedeckt werden können.

 

2. Unternehmensleitung oder Kontrolle

Erfolgt die Leitung des Unternehmen durch den oder die Gründer eigenverantwortlich und selbst oder wird (früher oder später) eine Leitung durch einen Fremdgeschäftsführer angestrebt? Vor allem bei schnell wachsenden Unternehmen oder im Vorfeld eines Generationenwechsel ist es von erheblichem Vorteil, wenn die Rechtsform eine solche Fremdgeschäftsführung zulässt und ausreichende Werkzeuge zur effektiven Überwachung der Geschäftsführung effektiv zur Verfügung stehen.

 

3. Finanzierung

Bei der Wahl der richtigen Rechtsform sind auch die Anforderungen an eine bestimmte Eigenkapitalausstattung und die Möglichkeiten zur Erweiterung der Kapitalbasis sowie die möglichen Formen und Grenzen einer (Fremd-)Finanzierung zu beachten. Können die Gründer von Anfang an eine ausreichende Kapitalbasis zur Verfügung stellen? Benötigen die Gründer Zugang zum Kapitalmarkt in Form einer Beteiligungsfinanzierung? Sollen Dritte kapitalmäßig am Unternehmen beteiligt werden?

 

4. Besteuerung des Unternehmen und der Gesellschafter

Das deutsche Steuerrecht ist nicht rechtsformneutral, d.h. die Besteuerung des Unternehmen und der Gründer ist zunächst von der gewählten Rechtsform abhängig. Steuerliche Rechtsformvergleiche beschäftigen bereits seit langem die Fachleute. Sind in der Gründungsphase Verluste zu erwarten, wäre eine Verlustverrechnung mit anderen positiven Einkünften sinnvoll? Handelt es sich um ein überdurchschnittlich ertragreiches Unternehmen?

 

5. Flexibilität

Heutzutage werden bereits von Beginn an hohe Anforderungen an die Flexibilität des Unternehmens und der Gesellschafter gestellt; Globalisierung, Gesetzesreformen, Steuerreformen, Internationalisierung der Geschäfte usw.

Inwieweit sind spätere Änderungen des Gesellschaftsvertrages oder sonstiger Verträge zwischen Unternehmen und Gesellschafter erforderlich? Besteht auf Seiten der Gründer ausreichende Kenntnis und Akzeptanz bezüglich der Anforderungen an die strikte Trennung zwischen Gesellschaftsvermögen und privatem Vermögen bei Kapitalgesellschaften?

 

6. Sicherung des Unternehmensbestands

Unternehmen sind regelmäßig auf Dauer angelegt, so dass die Gründer auch langfristige Bindungen eingehen, beispielsweise durch einen langfristigen Mietvertrag. Hier gilt es, das Unternehmen langfristig vor dem Zugriff von außen, aber auch vor dem vorzeitigen Zugriff von Gesellschaftern und Kapitalgebern zu schützen, idealerweise bereits durch die Gestaltung der Rechtsform. Ferner muss vielleicht auch die qualifizierte Unternehmensleitung langfristig gesichert werden. Ist beispielsweise damit zu rechnen, dass in der Gründungsphase das Kapital aufgezehrt wird?

 

7. Mitbestimmung im Unternehmen

Die betriebliche Mitbestimmung im Hinblick auf die sozialen und personellen Angelegenheiten im Unternehmen sind rechtsformneutral ausgestaltet. Bei mehr als 5 wahlberechtigten Arbeitnehmern ist nach dem Betriebsverfassungsgesetz ein Betriebsrat zu bilden.

 

8. Rechtsformspezifischer Aufwand und Gründungskosten

Je nach Rechtsform fallen zunächst zusätzliche Kosten für die Einhaltung der gesetzlich geforderten formellen Anforderungen an die Unternehmensgründung an. Später können aber auch rechtsformspezifische Kosten durch Informationspflichten oder Kontrollbedürfnisse anfallen.

Achtung: Tendenziell sind die Beratungs- und Kontrollkosten bei Personengesellschaften geringer als bei Kapitalgesellschaften.

 

9. Sonstige Kriterien bei der Wahl der Rechtsform

Der oben angeführte Katalog ist natürlich nicht abschließend, sondern auch vom jeweiligen Einzelfall abhängig. Es mag auch Unternehmen geben, die geradezu eine gewisse Rechtsform verlangen, weil dies eben so Tradition oder branchenüblich ist. Seien Sie jedoch mit diesen Mutmaßungen vorsichtig und zurückhaltend. Im Gegenteil hierzu kann eine bestimmte Rechtsform auch branchenüblich von Nachteil sein.

 

2. Phase: Vorselektion der geeigneten Rechtsformen

Das deutsche Gesellschaftsrecht stellt dem Existenzgründer unterschiedliche Organisationsstrukturen mit differenzierten Merkmalen zur Verfügung, die sich teilweise auch mischen lassen. Es lässt sich somit für nahezu jede Unternehmungsgründung eine ideale Rechtsform finden.

Eine erste Vorselektion der zur Verfügungen stehenden Rechtsformen kann schon in einem frühen Stadium anhand einer Übersicht über die wichtigsten Rechtsformen getroffen werden. Aus der Übersicht kann man z.B. schon erkennen, dass nur die Kapitalgesellschaften bzw. deren Mischformen in Betracht kommen, sofern eine Haftungsbeschränkung auf das Unternehmensvermögen erwünscht oder erforderlich ist. Die erste wichtige Weichenstellung wäre also hier schon getroffen.

 

3. Phase: Entscheidung über die ideale Rechtsform

1. Bewertung der Rechtsformen anhand der Unternehmensziele

In der ersten Phase haben Sie die Anforderungen an Ihre zukünftige Rechtsform aufgelistet. Nunmehr werden die unterschiedlichen Rechtsformen anhand der relevanten Entscheidungskriterien bewertet. Hierfür stellen Sie zunächst alle Anforderungskriterien zusammen und klassifizieren diese entsprechend ihrer Gewichtung für Ihr Vorhaben.

 

2. Ausschluß von Rechtsformen nach K.O. Kriterien

Als erstes definieren Sie die K.O.- Kriterien, die zum sofortigen Ausschluss einer Rechtsform führen, falls dieses Kriterium nicht erfüllt wird. Seien Sie hier jedoch zurückhaltend.

 

3. Scoring der geeigneten Rechtsformen

Die verbleibenden Rechtsformen stellen Sie dann mittels einer Punktewert- Matrix (= sog. Scoring- Modell) gegenüber. Hierbei werden den einzelnen Alternativen Punktwerte im Hinblick auf die Zielerreichung bei den einzelnen Kriterien zugeordnet. Beispiele hierzu präsentiere ich Ihnen in meinem E-Book zur Existenzgründung (in Bearbeitung). Die einzelnen Punktwerte werden zusammengefasst, so dass sich zum Ende eine Rangfolge ergibt.

Kritiker bemängeln dieses System teilweise deshalb, weil die subjektive Bewertung der Entscheidungskriterien zu Ungenauigkeiten führen könnte. In der Praxis führt dieses System jedoch in aller Regel zu sehr effektiven und absolut zutreffenden Ergebnissen. Lassen Sie sich also nicht verunsichern.

Ferner werden Sie in diesem Zusammenhang allerlei Literatur zu Steuerbelastungsvergleichen zwischen Personen- und Kapitalgesellschaften finden. Diesbezüglich muss Ihnen bewusst sein, dass diese Literatur zumeist veraltet ist und nicht mehr zutreffend ist angesichts der tief greifenden Reformen in der Unternehmensbesteuerung. Wenn Ihr Hauptaugenmerk wegen weit überdurchschnittlicher Ertragskraft Ihres zukünftigen Unternehmens tatsächlich auf der steuerlichen Belastung liegt, lassen Sie sich von einem Steuerberater anhand Ihrer individuellen Gegebenheiten eine Berechnung anhand Ihres Businessplans durchführen.


Das könnte auch von Interesse sein:



Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier:

Banner